Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Amos Oz

 

Bei diesem Buch handelt es sich um einen weitgehend autobiographischen Roman, in dem sich Realität, Fakten und Fiktion vermischen.

Amos Oz, damals Amos Klausner, wurde 1939 in Jerusalem geboren. Seine Eltern, Arie und Fania Klausner waren Flüchtlinge aus Osteuropa.

Oz schildert Jerusalem aus einer sehr persönlichen Sicht heraus. Der Leser lernt die Atmosphäre zur britischen Mandatszeit kennen, erlebt Hunger und Entbehrung während der Belagerung, den Anschlag auf das King David Hotel, Freiheitskämpfe und die Teilung. Dabei geht es sehr persönlich zu. Man begleitet Amos Oz beim samstäglichen Besuch zu Onkels Joseph Klausner, der ein berühmter Professor für hebräische Literatur an der Hebräischen Universität Jerusalems war. Drei Kapitel widmet er ihm. Wir werden Zuschauer eines wichtigen Kapitels Israels: der Staatsgründung.

Prof. Joseph Klausner, ein Zionist der ersten Stunde, war der Gegenkandidat der Konservativen 1948 bei der Wahl des 1. israelischen Staatspräsidenten. Sein Gegenpart war Chaim Weizmann, der damals die Wahl gewann.

Amos begegnet manchem bekannten Menschen, so auch Ben Gurion. Wir dürfen sie aus der Innensicht betrachten.

Was ihn, und damit das Buch besonders prägt, ist der Selbstmord der Mutter mit 38 Jahren 1958. Immer fremd geblieben in Palästina-Israel, findet sie keine neue Wurzeln. Ihr lebenslustiger Mann orientiert sich an anderen Frauen, versucht sich zu retten.  Immer wieder wechselt die Mutter von der Liebe zu der, ihr eigenen Finsternis, die auch der junge Amos Klausner nicht erhellen kann. Er beschließt nach dem Tod der Mutter in den Kibbuz Chulda zu ziehen. Hier wechselt er seinen Namen in Amos Oz, wobei „Oz“ „Kraft, Stärke“ bedeutet. Sein Vater heiratet ein Jahr nach dem Tod der Mutter ein zweites mal und zieht mit der 2. Ehefrau nach London um. Amos bleibt bis in die 80er Jahre im Kibbuz.

Ich vermute, dass er sich schuldig am Tod der Mutter fühlte, zumindest ohnmächtig. Durch harte körperliche Arbeit und Änderung des Namens in Oz = „Stärke“ versucht er m. E. die Ohnmachtsgefühle ab zu wehren. Es braucht lange, den Schatten der Vergangenheit zu entfliehen.

Er findet zur feingeistigen Welt seiner Vorfahren zurück, indem er Literatur und Philosophie an der Hebräischen Universität Jerusalems studiert. Lange lehrt er als Professor für hebräische Literatur an der Ben- Gurion-Universität des Negev in Be’er Scheva. Heute lebt der Schriftsteller in Arad in der Negev-Wüste, ganz in der Nähe des Grabes von Ben Gurion.

Es lohnt sich, das Buch zu lesen. Mit 800 Seiten Umfang kommt es schon sehr üppig daher. Oz beschreibt manches in epischer Breite, ein wenig Geduld braucht man schon. Dafür lässt Amos Oz uns Einblick nehmen in die frühe Geschichte des Israelischen Staates und ihre berühmten Politiker. Man erfährt Dinge, Geschichten, die nirgendwo sonst in der offiziellen Geschichtsschreibung stehen, z.B. was hatten die Politiker für Vorlieben, wie liefen persönliche Treffen mit ihnen ab und vieles mehr.

Lernen mit Lust durch Lesen….

Ein guter Plan….viel Spaß!

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Exodus

Leon Uris

Wenden wir uns wieder Israel zu.

Eine Frage stellte sich mir: Was bewog die UNO 1947 der Gründung des Staates Israels zu zustimmen?

Geschichte:

Die Lage der holocaustüberlebenden Juden nach dem 2. Weltkrieg war prekär. Vielfach fanden sie sich in Auffanglagern als Displaced Persons (DP) wieder. 300000 von ihnen waren nach Pogromen in Polen und Osteuropa 1946/47 (s. Pogrom von Kielce) in die westliche Besatzungszone geflohen und dort als DP „gestrandet“. Heimatlos, mittellos und ausgehungert war der Anreiz nach Palästina aus zu wandern groß. Man erhoffte sich Ruhe in einem eigenen Land, das man als historische Heimat ansah.

Das Buch „Exodus“ von Leon Uris beschreibt die mehr als abenteuerliche Reise von  ca. 4000 Juden, die als DP lebten und nach Palästina auswandern wollten. Der Name „Exodus“ weißt sowohl auf die Ausreise nach Palästina, als auch auf den Auszug der Juden aus Ägypten hin. Palästina stand zu der Zeit unter britischem Mandat. Die Briten hatten ein Einreiseverbot und Seeblockade (1945) über Palästina verhängt, ankommende jüdische Flüchtlinge wurden nach Zypern in Lager gebracht.

Am 10. Juli startete die Exodus vom südfranzösischen Hafen Sète aus. Ihr Schiff war ein ehemals britisches Truppentransportschiff, ausgelegt für 400 Personen. In Südfrankreich hatte man es umgebaut, damit ca. 4000 Flüchtlinge darauf transportiert werden konnten. Es war ein Leben auf engstem Raum. Geschlafen wurde abwechselnd, im Stehen, Sitzen und Liegen. Essen und Wasser waren knapp, einige starben an den Strapazen, da sie oft alt und krank waren und gerade das Konzentrationslager überstanden hatten. Während der gesamten Überfahrt übers Mittelmeer, die einige Wochen dauerte, stand die Exodus unter der Beobachtung von britischen und italienischen Kriegsschiffen.

Kurz vor der Küste Palästinas kaperten die Briten das Schiff und zwangen alle Passagiere auf Gefangenenschiffe um zu steigen. Sie wurden nach Haifa in Lager gebracht, bis die Briten die Juden zwangen,wieder auf die Exodus zurück zu kehren und mit ihr in Richtung Europa abzulegen. Am 8. September 1947 landeten die Flüchtlinge wieder im Hamburger Hafen. Sie wurden von der deutschen Behörde wieder in Gefangenenlager gebracht, ehemalige DP Lager, die mit Wachtürmen und Stacheldraht in Gefängnisse umgebaut wurden.

Es hagelte internationalen Protest auf Großbritannien. Dies führte dazu, dass Ende September der britische Kolonialminister Jones das Britische Mandat für Palästina niederlegte. Der Weg nach Haifa war frei, alle überlebenden Flüchtlinge machten sich erneut auf den Weg.

Die Überfahrt der Exodus 47 war eine menschliche Tragödie. Ab hier war es der UNO bewusst geworden, dass die Gründung des  Staates Israel der einzige Weg war, um Juden eine Heimat zu bieten, die sie dringend brauchten.

Diese mehr als abenteuerliche, ergreifende wahre Begebenheit schildert  das Buch „Exodus“ von Leon Uris. Während der langen Überfahrtspassagen lernt der Leser sehr viele jüdische Schicksale aus der Kriegs- und Vorkriegszeit kennen und somit das Judentum Europas vom Ende des 19. Jhdt. an, dadurch, dass sich die Flüchtlinge ihre Lebens- und Familiengeschichten erzählen. Dadurch wird der Leser den menschlichen Tragödien sehr nahe gebracht, in das Buch hinein gezogen.

Umrahmt wird alles von einer Liebesgeschichte zwischen Kitty und Ari Ben Kanaan, einer amerikanischen, verwitweten Krankenschwester und einem israelischen Freiheitskämpfer der Hagana, der sich für die Einwanderung der Juden nach Palästina und die Freiheitsrechte Israels einsetzte. Sie lernen sich im Flüchtlingslager in Zypern kennen. Ihre gemeinsame Geschichte, in der Kitty zur israelischen Freiheitskämpferin wird, dauert bis zum Ende des ersten arabischen Krieges, der unmittelbar auf die Gründung des Staates Israels folgte.

Das Buch des jüdisch amerikanischen Schriftstellers Leon Uris, das 1958 entstand, lehnt sich mit Handlung und Personen größtenteils der historischen Realität an, nimmt sich aber auch einige schriftstellerische Freiheit heraus.

Das Buch wurde 1960 von Otto Preminger mit Paul Newman in der Hauptrolle verfilmt.

 

Philip Roth +

,Der Menschliche Makel

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Malerin: Simone Houlihan

Heute mache ich mit euch einen kleinen Ausflug, weg von der Gründung des Staates Israel (auf die ich noch zurück kommen werde), hin zum Tagesgeschehen.

Heute starb im Alter von 85 Jahren ein großer, amerikanischer Schriftsteller, der mehrmals für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen war, den er leider nie bekam. Allerdings verlieh man ihm 1998 den Pulitzerpreis u.a..

Eines seiner Bücher gefiel mir immer besonders gut: „Der menschliche Makel“.

Kunstvoll erzählt er darin die Geschichte des Literaturprofessors Coleman Silk (hören wir da nicht: Kohlenmann=schwarz und Silk=weiß?!). Nachdem dieser Professor bemerkt, dass in seiner Vorlesung zwei junge Frauen fehlen, fragt er ins Auditorium: „Where are they? Do they exist or are they spooks?“ „Spooks“ ist einerseits ein Ausdruck für Gespenster, andererseits eine abfällige Bemerkung Weißer Schwarzen gegenüber. Es wird nicht gefragt, was er meinte, sondern man unterstellt ihm Rassendiskriminierung, da die beiden Frauen dunkelhäutig sind, was er nicht wusste.

Ehrgeizigen MitprofessorInnen gelingt es, ihm aus der Bemerkung „einen Strick zu drehen“, er wird emeritiert. Seine Frau grämt sich über die Intrige derart, dass sie verstirbt.

Coleman Silk lernt eine Frau kennen, Faunia Farley, die angeblich Analphabetin ist und Putzfrau. Sie hatte sich von ihrem Mann getrennt, der sie misshandelte. Als Kriegsheimkehrer aus dem Vietnamkrieg konnte dieser die „Normalität“ nicht mehr ertragen. Zwischen Coleman und der jüngeren Faunia entsteht eine Liebesgeschichte.

In diesem Falle wird ihm von seiner Umgebung Ausbeutung einer Untergebenen vorgeworfen. Beide werden vom Exehemann  Faunias  umgebracht.

Das Buch ist 1998 entstanden, als Präsident Clinton in der Monika Lewinsky Affäre verstrickt war. Es geht um die „Saubermannmentalität“, die „Tyrannei der Schicklichkeit“  in der amerikanischen Gesellschaft, die oft sehr verlogen daherkommt.

Meine Frage war, was ist der menschliche Makel, den er meint. Coleman erzählt seine Geschichte dem Schriftsteller Nathan Zuckerman (alter ego Ph. Roths), größtenteils in der Retrospektive. Hierdurch erfährt der Leser, dass Coleman eigentlich ein sehr hellhäutiger Farbiger ist, der sich als weißer Jude ausgab, um mehr Freiheiten zu haben. Im Thema Rassismus ist er insofern rehabilitiert. Ebenso findet man Faunias Tagebuch. Sie ist alles andere als eine Analphabetin. Ergreifend beschreibt sie darin ihre tiefe Liebe zu Coleman.

Also, die Frage bleibt bestehen, was ist das eigentlich, das menschliche Makel?

Faunia gibt uns die Antwort:

Einmal sagt Faunia über eine zahme Krähe, die sie „Prince“ nennt:

„Die Berührung durch uns Menschen hinterlässt einen Makel, ein Zeichen, einen Abdruck. Unreinheit, Grausamkeit, Missbrauch, Irrtum, Ausscheidung, Samen – der Makel ist untrennbar mit dem Dasein verbunden.“

Das ist es.

Übrigens: Das Buch ist verfilmt worden von Robert Benton mit Anthony Hopkins als Coleman Silk und Nicole Kidman als Faunia Farley!

Philip Roth, „Der Menschliche Makel“, Roman/Hansa, 2002

 

 

14. Mai 1948

Gründung des Staates Israel

Heute haben wir den 14.Mai 2018. Die Gründung des Staates Israel ist auf den Tag genau 70 Jahre her. Dieses Datum möchte ich nicht verstreichen lassen, ohne darauf ein zu gehen. Heute geht es nicht direkt um ein Buch, Büchertipps zu dem Thema werden folgen, sondern um die Geschichte und einen Film.

Zuerst die Geschichte:

Am 29. November 1947 kommt es in New York in der Vollversammlung der Vereinten Nationen zur Abstimmung darüber, ob Palästina geteilt und somit ein neuer Staat Israel geschaffen werden soll. 33 Staaten stimmen der Teilung zu, 13 dagegen und 10 enthalten sich. Somit ist eine notwendige Zweidrittel Mehrheit erreicht, die Teilung Palästinas in einen jüdischen und arabischen Staat beschlossen. Die jüdische Volksvertretung,Jewish Agency, ist mit der Teilung einverstanden, die arabische lehnt ab.

Britische Soldaten sollen bis zur Staatsgründung am 14. Mai 1948 im Land bleiben, um eine friedliche Verwaltungsübergabe an beide Teile zu gewährleisten und sich dann zurück ziehen. Ein zermürbender Kleinkrieg mit Terroranschlägen arabischer Extremisten auf jüdische Einrichtungen und die britischen Soldaten beginnt, die Palästinenser und die arabischen Nachbarn des Landes sind über die Teilungsentscheidung entrüstet.

Am 14. Mai 1948 endet das britische Mandat.

Zur gleichen Zeit verkündet Ben Gurion, der Vorsitzende des provisorischen Staatsrates, vom Museum in Tel Aviv aus die Gründung des Staates Israel.

Der Staat wird von den USA, Russland, Guatemala und Polen sofort anerkannt.

Innerhalb weniger Stunden wird das Land Israel von fünf arabischen Nachbarstaaten überfallen: Ägypten, Jordanien, Syrien, Irak und dem Libanon. „Treibt die Juden ins Meer!“ lautet deren Devise.

Doch entgegen vieler Erwartungen gewinnt Israel im Januar 1949 den Krieg.

Galiläa, die Küstenebene und der gesamte Negev werden dazu gewonnen. Jerusalem, das bis dahin unter internationaler Beobachtung stand, wird in einen, von Jordanien kontrollierten Ostteil und einen israelischen Westteil aufgeteilt.

Soviel zur aktuellen Stunde. Anschließend möchte ich euch einen amüsanten, schönen Film empfehlen, der die Situation des heutigen Israel und Palästina humorvoll und herzlich auf eigene Weise beschreibt.

Er heißt:

Der 90-Minuten-Krieg

und wird am 15.5.2018 im ZDF ausgestrahlt.

Da beide Seiten, Israel und Palästina sich nicht einigen können, wem das Land gehört, beschließen sie, eine Entscheidung darüber herbei zu führen. Diesmal soll kein Krieg geführt werden, sondern ein 90minütiges Fußballspiel soll entscheiden. Wer gewinnt, dem gehört das Land, der andere muss gehen. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, jede der zwei Parteien wendet so ihre Tricks an, die vielleicht typisch sind ? Über allem wird immer wieder deutlich, wie ähnlich sie sich in gewisser Weise sind, und…wieviel Sehnsucht sie nach einander haben.

Wie geht das „heiße“ Spiel aus?

Nun, seht selbst, es lohnt sich!!! (Später auch in der Mediathek)

„Der 90-Minuten-Krieg“, Israel, Deutschland 2015, Regie: Eyal Halfon

Zum Schluss ein herzliches:

Salaam-Shalom

Und Nietzsche weinte

von Irvin D. Yalom

 

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Irvin David Yalom ist Psychiater und Psychotherapeut, Psychoanalytiker, lehrte in Standford und begründete die Existentielle Psychotherapie. Diese basiert grundsätzlich auf Freuds Erkenntnissen, bezieht allerdings den Beziehungsaspekt zwischen Menschen mit ein und beachtet philosophische Existenzfragen.

Heute arbeitet Yalom halbtags mit Patienten in seiner Privatpraxis; die andere Hälfte des Tages widmet er dem Schreiben von Büchern. Hier schöpft er aus seinem beruflichen Fundus (immer mit Einverständnis der PatientInnen), setzt dem psychotherapeutischen Gedanken immer Philosophisches entgegen oder an die Seite, z.B. in: „Die Schopenhauerkur“.

Ich habe das Buch „Und Nietzsche weinte“ ausgesucht, da es das erste war, was ich von Yalom las. Es hat mich sofort „angezupft“, wie er die Dinge verbindet. Er ist einer meiner Lieblingsschriftsteller und für jeden Interessierten zu empfehlen, gut zu lesen, kein „Fachchinesisch“!

Die Besonderheit hier ist, dass wir eine Protagonistin des Buches bereits kennen: Lou Andreas Salomé. Somit können wir ihren Charakter weiter verfolgen.

Das Buch ist eine Mischung zwischen Realität und Fiktion. Es spielt 1882. Viele Geschehnisse  waren so, wie sie beschrieben werden, z. B. der Zustand im Gesundheitswesen. Vieles ist Fiktion, die wahr sein könnte, nicht aber der Wirklichkeit entspricht. So sind sich Breuer und Nietzsche nie begegnet, lebten aber in der selben Zeit, im Fin de Siècle, waren indirekt über gemeinsame Bekannte verbunden, z.B. Wagner.

Eines Tages im Jahre 1882 kommt Lou A. Salomé zum Arzt  Josef Breuer, um ihn zu bitten, die Behandlung von Friedrich Nietzsche zu übernehmen. Dieser soll von der Vermittlung durch sie nichts erfahren, da er sonst die Behandlung ablehnen würde.

Wir erinnern uns: Nietzsche hatte tatsächlich 1882 L.A. Salomé einen Heiratsantrag gemacht, den sie brüsk ablehnte. Jetzt leide er an Verzweiflung, meint Lou, sie mache sich echte Sorgen um ihn. Sie habe viel Gutes von Breuers neuer Behandlungsmethode gehört.

Breuer, der älter war als Freud, arbeitete als erster an einem Konzept einer Psychotherapie, die sich der Freien Assoziation als Redekur bediente ( chimney-sweeping). Vielleicht kennen einige die Geschichte der Anna O., alias Bertha Pappenheim, eine bekannte Reformerin. Diese Geschichte wurde mit Freud gemeinsam veröffentlicht und gilt als die Geburtsstunde der Psychotherapie.

So gelangt Nietzsche in die Behandlung Breuers. Er lässt nicht zu, dass man ihm hilft. Erst nachdem die beiden einen Vertrag geschlossen haben, dass Nietzsche Breuer helfen solle, entsteht so etwas wie Behandlungsnähe. Was als „Trick“ gedacht war, entwickelt sich zu einem echten Geschehen. Breuer kommt sich selbst näher, sieht sein Leben an, überdenkt es. Auf diesem Umweg öffnet sich auch Nietzsche. Er weint, als er spürt, dass da ein Gegenüber ist, das ein echtes Interesse hat an ihm, seinen Themen und Problemen. Beide gehen verändert aus der Begegnung, die Monate dauert, heraus.

Als Nietzsche weinte sagt er: „Wir haben jeweils Anteil an der Selbstüberwindung des anderen gehabt. Ich b i n ihr Freund. Sie sind mein Freund. Wir sind Freunde. Wir – sind – Freunde.“

Immer wieder wird Nietzsches Forderung laut: „Werde, der du bist“, und steht Breuers Bedenken entgegen, keine freie Wahl zu haben, in die Zwänge der Zeit eingespannt zu sein. Die Lösung aus diesem Dilemma gibt das Buch mit dem Spruch: „Amos fati – wähle dein Schicksal, liebe dein Schicksal.“

So sagt Nietzsche auch.“ Wer zur rechten Zeit lebt, wer vollbringend lebt, für den verliert der Tod seinen Schrecken. Wer nie zur rechten Zeit lebt, wird nie zur rechten Zeit sterben können.“

Noch ein letztes Zitat, das meines Erachtens ein Schlüsselzitat für menschliche Beziehung und Therapien ist: Nietzsche sagt, nachdem er geweint hat: „Im nämlichen Augenblick, da ich Ihnen sagte, mich habe noch nie jemand berührt, in eben diesem Augenblick ließ ich mich erstmals berühren. Ein unbeschreiblicher Augenblick, als wäre eine dicke, innere Eiskruste plötzlich gerissen und in tausend Stücke gesprungen.“ „Ein Paradox!“ sagte Breuer. „Einsamkeit existiert nur in der Einsamkeit; sobald sie geteilt wird, löst sie sich auf.“

In diesem Sinne viel Spaß beim Lesen!

Die Zitate stammen aus dem Buch: „Und Nietzsche weinte“ (Roman) von Irvin D. Yalom, erschienen im btb Verlag, Goldmann, 6. Auflage, Juni 1996.

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Lou Andreas-Salomé

Der bittersüße Funke Ich

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Auf den Golanhöhen

 

Heute möchte ich euch ein Buch vorstellen, das die Biographie einer bedeutenden Frau erzählt. Sie ist Jüdin und hat um die vorletzte Jahrhundertwende gelebt. Ihr Lebensweg war außerordentlich, sie hatte Kontakt zu sehr vielen Persönlichkeiten ihrer Zeit, unter anderem zu Nietzsche,  den sie maßgeblich beeinflusst hat.

Mit Friedrich Carl Andreas, einem 15 Jahre älteren Orientalisten, war sie verheiratet, mit Rainer Maria Rilke  verband sie eine Liebesbeziehung, Sigmund Freud  war ihr in tiefer Freundschaft zugetan. Um euer Interesse an dem Buch zu wecken, werde ich euch eine kurze Zusammenfassung ihres Lebens geben.

Das Buch selbst ist geschrieben von Kerstin Decker, einer promovierten Philosophin und Reporterin aus Berlin. Erschienen ist es im List-Verlag, 4. Auflage 2016.

Man bekommt einen wunderbaren Einblick in die damalige Zeit, erlebt viele Persönlichkeiten hautnah, nimmt Teil an einem unglaublich selbst bestimmten Lebensweg.

 

Lou Andreas-Salome (1861-1937)

 

Sie wurde als 4. und letztes Kind, einzige Tochter, des Generals Gustav von Salome und seiner Frau Louise in St. Petersburg geboren. Ihr Vater war ein enger Vertrauter des Zaren, ihre Wohnung war in der direkten Nachbarschaft des Zarenhofes. Bei ihrer Geburt ist er bereits 56 Jahre alt. Eine Tochter hatte er sich immer gewünscht. Er hatte ein besonders enges Verhältnis zu ihr: „Gesetz und Zwang sind nie gegen meine Tochter in Anwendung gebracht worden, selten ist wohl einem jungen Mädchen alles so nach Wunsch und Willen gegangen, wie Ihr“ (Brief von Louise von Salome an Nietzsche 1882).

Dem entgegengesetzt war die Lebenshaltung der Mutter, die es als ihre Aufgabe ansah, zurückhaltend für das Wohl des Mannes zu leben. Bei einem Aufenthalt in Rom mit der Mutter zusammen lernt sie Friedrich Nietzsche und Paul Ree kennen. Sie erhält, 21 jährig von beiden nacheinander einen Heiratsantrag, die sie beide ablehnt.

.Von Unbekannt – Scan processed by Anton (2005), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=95969

Nietzsche zieht sich narzisstisch gekränkt zurück. Obwohl er Lou als sein „Geschwistergehirn“ bezeichnet, hatte er doch von ihr Unterordnung erwartet. Er war damals 36 Jahre alt. Stattdessen lässt Lou in ihrem Lebenswandel den „Übermenschen“ erkennen, den er im Zarathustra beschreibt als Idealtypus des Menschen. Mit Paul Ree verbindet sie eine lebenslange Freundschaft, sie bilden sogar eine Wohngemeinschaft, um zusammen zu schreiben und zu diskutieren. Sexualität lehnt sie ab. 1887 heiratet sie Friedrich Karl Andreas, einen Orientalisten, der sich den Bund der Ehe durch einen Selbstmordversuch erpresst. Sie verlangt von ihm, dass die Ehe nie sexuell vollzogen werden solle.

Erst mit 36 Jahren gab sie ihre Jungfräulichkeit auf: sie lernte den jungen, 21 jährigen, Rainer Maria Rilke kennen und lieben. 1899 unternimmt sie sogar eine Reise nach Russland mit ihm und ihrem Mann zusammen. Neben anderen Romanen veröffentlicht sie ihre Jugenderinnerungen.

Durch den Psychotherapeuten Poul Bjerre, einem Schweden, Freund einer Freundin, lernt sie die Psychoanalyse kennen. Sie begleitet ihn 1911 zum 3. Psychoanalytischen Kongress nach Weimar. Sie studierte bei Freud in Wien Psychoanalyse und unterhielt ab 1913 eine eigene psychoanalytische Praxis in Göttingen (Villa Loufried). Aufgrund eines Vortrags von Anna Freud 1922 über „Schlagephantasie und Tagtraum“, an dessen Entstehung sie maßgeblich beteiligt war, wird sie in die Wiener Vereinigung aufgenommen. Freud schätzt ihre Meinung und steht ihr menschlich nahe.

Bis zu ihrem Ende 1937 war sie geistig rege. Sie veröffentlichte Schriften und diskutierte u.a. über erkenntnistheoretische Probleme mit Freunden.

Ihr Leben war außergewöhnlich selbst bestimmt. Es war erfüllt von menschlichen Beziehungen, Gesprächen, Schreiben, Handlungen. Es würde den Rahmen hier sprengen, ihr wirklich gerecht zu werden.

Ihre Lebenseinstellung brachte sie in ihren Büchern, Gesprächen und nicht zuletzt Therapien zum Ausdruck. Ihr Einfluss auf den Zeitgeist ist unübersehbar.

 

1861 Geburt in St. Petersburg

1882 Kennenlernen von Nietzsche und Ree

1887 Hochzeit mit Friedrich Carl Andreas

1897 Beginn der Beziehung zu Rainer Maria Rilke

1911-1913 Ausbildung zur Psychoanalytikerin bei Freud in Wien, eigene Praxis in Götting

1922 Aufnahme in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung

1937 Tod in Göttingen

 

Un-orthodox

von: Deborah Feldmann,

erschienen im btb Verlag, Juli 2017

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um die Autobiographie einer Jüdin, geb.1986, die im orthodoxen Milieu einer jüdischen Gemeinde in New York, genauer Brooklyn, Stadtteil Williamsburg, zur Welt kam und aufwuchs. Sie ist Kind orthodoxer, jüdischer Eltern, die einer chassidischen Sekte angehören, die sich Satmar-Gemeinde nennt.

Satmar ist das jiddische Wort für Satu Mare, hierbei handelt es sich um eine Stadt, die an der Grenze zwischen Ungarn und Rumänien liegt.

Im 2. Weltkrieg wurde der Rabbi dieser Stadt gerettet und konnte in die USA, nach New York fliehen. Er scharrte eine große Gruppe Überlebender um sich, gründete eine Sekte und gab ihr den Namen „Satmar“, nach der Stadt, aus der er kam. Wie ihm erging es einigen Rabbinern und es entstanden viele Sekten, die die alten Bräuche der Schtetl besonders streng pflegten, um sie vor dem Vergessen zu retten. „Bis zum heutigen Tag haben die chassidischen Gemeinden nicht aufgehört, rasant anzuwachsen, was als endgültige Rache an Hitler verstanden wird.“(Zitat, Anmerkung der Autorin im Vorwort).

Zu den Bräuchen gehörte auch die Pflege der jiddische Sprache, die alleinige „Muttersprache“ der Sekten. Daraus folgte, dass die Kinder schlecht amerikanisch sprachen, hatten sie doch auch ihre eigenen Schulen, in denen ausschließlich auf jiddisch unterrichtet wurde.

Deborah wird in diesem Milieu groß. Sie wird im Sinne der Sekte streng erzogen, Bücher und Lesen sind nicht erlaubt. Die männlichen Jugendlichen lernen die Tora, das gründlich und ausschließlich. Auch Singen und Pfeifen dürfen die Mädchen nicht, außer an Schabbes, ab und zu. Musik hören ist auch nicht erlaubt. Die Mädchen lernen die Hausarbeit, Küche, Kinder versorgen, Handarbeiten

So wächst Deborah auf. Es wird ihr ein Mann ausgesucht mit Hilfe der Heiratsvermittlerin. Er ist ihr gar nicht mal unsympathisch, wählerisch darf sie nicht sein. Sie willigt in die Zwangsehe ein. Ihre Mutter hat die Sekte schon verlassen, als sie ein Kleinkind war, ihr Vater ist ein minder begabter Herumtreiber, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Deborah selbst wächst bei den Großeltern auf. Über Mutter wird nicht gesprochen, sie ist tabu. Aus der Stadtbücherei erschleicht sich Deborah ein Buch: „Stolz und Vorurteil“. Sie verschlingt es, liest es mehrere male heimlich. Sie darf sich nicht erwischen lassen, das Lesen von Büchern ist streng verboten! Sie möchte gerne studieren, am liebsten Literatur.

Sie heiratet, bekommt einen Sohn. Ihr Wunsch zu studieren lässt ihr keine Ruhe. Schließlich beginnt sie ein Doppelleben zu führen. Heimlich studiert sie Literatur am Sarah Lawrence College. Nach ihrem Examen beschließt sie, die Sekte zu verlassen zusammen mit ihrem Sohn. Auch für ihn sieht sie keine Zukunft in der Sekte.

Das ist bisher noch keiner Frau aus der chassidischen Sekte gelungen: Auszutreten und dann noch den Sohn mitzunehmen! Nach religiösem Gesetz kann eine Frau die Sekte nicht verlassen. Schon gar nicht kann sie ihr Kind mitnehmen. Dessen Erziehung läge dann beim Vater und den übrigen Sektenmitgliedern.

Es gelingt ihr beides mithilfe einer Anwältin. Sie flieht nach Deutschland, nach Berlin, das sie bei der Suche nach ihren Wurzeln kennen und lieben gelernt hatte. Dort lebt sie mit ihrem Sohn.

Meine Meinung:   Es ist ein unglaublich mitreißendes Buch! Der Inhalt war für mich so interessant, da hier eine jüdische Sekte aus der Innensicht beschrieben wurde. Es war für mich fast unfassbar, dass es noch immer solche Gesellschaftskonstrukte, und das mitten in der modernen Gesellschaft, gibt. Es tat mir weh zu lesen, wie entrechtet die Frauen in der Gemeinschaft sind, wie sie mißbraucht und funktionalisiert werden. So, als hätte es nie Kämpfe der Menschenrechte und des Humanismus gegeben.

Ich habe  Hochachtung vor Deborah Feldmann, vor ihrer Intelligenz, ihrer Weitsicht und Zähigkeit.

Das Buch ist nicht einfach nur unterhaltsam. Es ist spannend wie ein Krimi und ungeheuer lehrreich. Der Leser darf hinter einen Vorhang schauen, der normalerweise selten derart gelüftet wird. Ich würde sagen, eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

Übrigens: es gibt ein Folgebuch: „Überbitten“. Dort wird geschildert, welche Kämpfe Deborah in Berlin bestehen muss, um sich zu verwurzeln. Nach ihrer „Befreiung“ steht sie kulturell zwischen einigen Welten. Auch interessant.

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Jüdischer Witz

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Polen 1970

Praktisch sind zu diesem Zeitpunkt bereits alle Juden im sehr antisemitischen, kommunistischen Polen aus ihren Stellungen entlassen und direkt oder indirekt zur Auswanderung gezwungen worden.

Zwei Juden begegnen sich auf der Straße in Warschau.

Fragt der eine den anderen: „Wie geht es dir?“

„Gut“

„Wieso gut? Bist du nicht auch entlassen worden?“

„Doch“

„Wovon lebst du dann?“

„Von Erpressung.“

„Erpressung? Ja, wen erpressest du denn?“

„Nu, sehr einfach. Den Goj (Nichtjuden), der mich in der Okkupationszeit vor den Nazis versteckt hat.“

(aus: „Der jüdische Witz“, herausgegeben von Salcia Landmann,Walter-Verlag, 1960, Seite 254)

 

 

Hallo zusammen

ein kleiner Hinweis: alle Bilder, die ich euch zeigen werde und schon gezeigt habe, sind in Eigenproduktion als „Schnappschüsse“ entstanden.

Vorerst werde ich euch mit, in Israel entstandenen Bildern, verwöhnen. Ich werde versuchen, Bilder zu finden, die zu den jeweiligen Büchern passen. Zwei mal habe ich dieses wunderschöne, geheimnisvolle, geschichtsträchtige Land bereist.

Beide Male mit meinem lieben Supervisor Prof. Wurmser aus den USA und einer Gruppe AnalytikerkollegInnen. Prof. Wurmser ist als Kind jüdischer Eltern in der Schweiz der 1930er Jahre aufgewachsen und schließlich in den 1950ern in die USA emigriert. Der Druck des Antisemitismus war selbst in der Nachkriegszeit noch zu groß.

Es waren die schönsten Reisen meines Lebens bisher. Unsere Reiseleiterin war eine ältere Dame, eine Einheimische, eine überzeugte Jüdin, die uns das Land „von innen“, vom Herzen, gezeigt hat. So konnten wir Orte besichtigen, Leute sprechen, die man sonst nicht trifft. Besonders hat mich die Jugend fasziniert. Sie vergleichen sich selbst mit der Frucht einer Kaktee: außen stachelig und innen süß. So habe ich sie erlebt, immer bereit zu diskutieren, erst abweisend, dann immer zugänglicher, zugewandt-freundlicher.

Prof. Wurmser fühle ich mich in tiefer Dankbarkeit verbunden.

Meine Liebe zur jüdischen Literatur hat sich dadurch ausgeweitet zu einer Liebe zur israelischen Literatur. Daher möchte ich euch beides näher bringen. Eine Auswahl habe ich noch nicht getroffen, es wird sich mischen in den Buchbesprechungen.

Habt ihr Wünsche, lasst es mich wissen!

„Eine kurze Geschichte der Menschheit“

Liebe Literaturfreunde,

endlich geht es weiter!

Seit einigen Wochen(!) „kämpfe“ ich mich durch ein 500 Seiten Werk:

„Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari, erschienen 2015 im pantheon-verlag. Dieses bereichernde Buch möchte ich für euch besprechen.

Obwohl es sich um so ein „trockenes“ Thema wie Geschichte handelt, liest sich das vorliegende Buch leicht und „fluffig“. Das liegt nicht zuletzt am, etwas umgangssprachlich gehaltenen Sprachstil des Autors.

Dieser selbst ist Professor für Geschichte an der Hebrew University of Jerusalem, also Israeli und schreibt regelmäßig Kolumnen in „Haaretz“, eine  der bekanntesten Tageszeitungen in Israel. Also jemand, der gehört wird und mir kompetent erscheint, uns etwas über die Menschheitsgeschichte, also über uns, zu erzählen.

Er beginnt beim Urknall vor 13,5 Milliarden von Jahren und führt uns zur Entstehung des homo sapiens vor ca. 70000 Jahren bis in die heutige Zeit.

Er betrachtet die Entwicklung der Menschen unter einem bestimmten Blickwinkel: Nicht der Mensch hat den Weizen und den Hund domestiziert, sondern umgekehrt. Er stellt in Frage, dass das immer mehr, weiter, höher wirklich ein Weiterentwicklung zum Glück des Menschen ist.

Meines Erachtens sieht er die Menschen und die Dinge, so wie sie sind. Das macht das Buch reizvoll. Was ist alles Glaube, Religion, was ist Geld eigentlich, was „Fortschritt“?

Welche Revolutionen haben die Menschen durchgemacht, was haben sie für sie bedeutet? Wie entstanden Sprache, Religionen, was ist aus ihnen geworden? Was haben Wissenschaft und Imperialismus miteinander zu tun, oder Religion und Kapitalismus?

Viele Themen, von denen ich glaubte, eine Meinung zu haben, kamen ins Wanken, werden immer noch überdacht.

Dieses Buch lohnt sich, es hinterlässt Spuren, wenn nicht mehr. Zeit und Geduld sind hier gut investiert.

Bleibt die Frage, wie Y. Harari die Zukunft des homo sapiens sieht? Das letzte Kapitel heißt: „Das Ende des Homo sapiens“. Ich habe es noch nicht gelesen, bin aber sehr gespannt darauf!

Und freue mich sehr auf eure Rückmeldung!