Un-orthodox

von: Deborah Feldmann,

erschienen im btb Verlag, Juli 2017

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um die Autobiographie einer Jüdin, geb.1986, die im orthodoxen Milieu einer jüdischen Gemeinde in New York, genauer Brooklyn, Stadtteil Williamsburg, zur Welt kam und aufwuchs. Sie ist Kind orthodoxer, jüdischer Eltern, die einer chassidischen Sekte angehören, die sich Satmar-Gemeinde nennt.

Satmar ist das jiddische Wort für Satu Mare, hierbei handelt es sich um eine Stadt, die an der Grenze zwischen Ungarn und Rumänien liegt.

Im 2. Weltkrieg wurde der Rabbi dieser Stadt gerettet und konnte in die USA, nach New York fliehen. Er scharrte eine große Gruppe Überlebender um sich, gründete eine Sekte und gab ihr den Namen „Satmar“, nach der Stadt, aus der er kam. Wie ihm erging es einigen Rabbinern und es entstanden viele Sekten, die die alten Bräuche der Schtetl besonders streng pflegten, um sie vor dem Vergessen zu retten. „Bis zum heutigen Tag haben die chassidischen Gemeinden nicht aufgehört, rasant anzuwachsen, was als endgültige Rache an Hitler verstanden wird.“(Zitat, Anmerkung der Autorin im Vorwort).

Zu den Bräuchen gehörte auch die Pflege der jiddische Sprache, die alleinige „Muttersprache“ der Sekten. Daraus folgte, dass die Kinder schlecht amerikanisch sprachen, hatten sie doch auch ihre eigenen Schulen, in denen ausschließlich auf jiddisch unterrichtet wurde.

Deborah wird in diesem Milieu groß. Sie wird im Sinne der Sekte streng erzogen, Bücher und Lesen sind nicht erlaubt. Die männlichen Jugendlichen lernen die Tora, das gründlich und ausschließlich. Auch Singen und Pfeifen dürfen die Mädchen nicht, außer an Schabbes, ab und zu. Musik hören ist auch nicht erlaubt. Die Mädchen lernen die Hausarbeit, Küche, Kinder versorgen, Handarbeiten

So wächst Deborah auf. Es wird ihr ein Mann ausgesucht mit Hilfe der Heiratsvermittlerin. Er ist ihr gar nicht mal unsympathisch, wählerisch darf sie nicht sein. Sie willigt in die Zwangsehe ein. Ihre Mutter hat die Sekte schon verlassen, als sie ein Kleinkind war, ihr Vater ist ein minder begabter Herumtreiber, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Deborah selbst wächst bei den Großeltern auf. Über Mutter wird nicht gesprochen, sie ist tabu. Aus der Stadtbücherei erschleicht sich Deborah ein Buch: „Stolz und Vorurteil“. Sie verschlingt es, liest es mehrere male heimlich. Sie darf sich nicht erwischen lassen, das Lesen von Büchern ist streng verboten! Sie möchte gerne studieren, am liebsten Literatur.

Sie heiratet, bekommt einen Sohn. Ihr Wunsch zu studieren lässt ihr keine Ruhe. Schließlich beginnt sie ein Doppelleben zu führen. Heimlich studiert sie Literatur am Sarah Lawrence College. Nach ihrem Examen beschließt sie, die Sekte zu verlassen zusammen mit ihrem Sohn. Auch für ihn sieht sie keine Zukunft in der Sekte.

Das ist bisher noch keiner Frau aus der chassidischen Sekte gelungen: Auszutreten und dann noch den Sohn mitzunehmen! Nach religiösem Gesetz kann eine Frau die Sekte nicht verlassen. Schon gar nicht kann sie ihr Kind mitnehmen. Dessen Erziehung läge dann beim Vater und den übrigen Sektenmitgliedern.

Es gelingt ihr beides mithilfe einer Anwältin. Sie flieht nach Deutschland, nach Berlin, das sie bei der Suche nach ihren Wurzeln kennen und lieben gelernt hatte. Dort lebt sie mit ihrem Sohn.

Meine Meinung:   Es ist ein unglaublich mitreißendes Buch! Der Inhalt war für mich so interessant, da hier eine jüdische Sekte aus der Innensicht beschrieben wurde. Es war für mich fast unfassbar, dass es noch immer solche Gesellschaftskonstrukte, und das mitten in der modernen Gesellschaft, gibt. Es tat mir weh zu lesen, wie entrechtet die Frauen in der Gemeinschaft sind, wie sie mißbraucht und funktionalisiert werden. So, als hätte es nie Kämpfe der Menschenrechte und des Humanismus gegeben.

Ich habe  Hochachtung vor Deborah Feldmann, vor ihrer Intelligenz, ihrer Weitsicht und Zähigkeit.

Das Buch ist nicht einfach nur unterhaltsam. Es ist spannend wie ein Krimi und ungeheuer lehrreich. Der Leser darf hinter einen Vorhang schauen, der normalerweise selten derart gelüftet wird. Ich würde sagen, eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

Übrigens: es gibt ein Folgebuch: „Überbitten“. Dort wird geschildert, welche Kämpfe Deborah in Berlin bestehen muss, um sich zu verwurzeln. Nach ihrer „Befreiung“ steht sie kulturell zwischen einigen Welten. Auch interessant.

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Jüdischer Witz

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Polen 1970

Praktisch sind zu diesem Zeitpunkt bereits alle Juden im sehr antisemitischen, kommunistischen Polen aus ihren Stellungen entlassen und direkt oder indirekt zur Auswanderung gezwungen worden.

Zwei Juden begegnen sich auf der Straße in Warschau.

Fragt der eine den anderen: „Wie geht es dir?“

„Gut“

„Wieso gut? Bist du nicht auch entlassen worden?“

„Doch“

„Wovon lebst du dann?“

„Von Erpressung.“

„Erpressung? Ja, wen erpressest du denn?“

„Nu, sehr einfach. Den Goj (Nichtjuden), der mich in der Okkupationszeit vor den Nazis versteckt hat.“

(aus: „Der jüdische Witz“, herausgegeben von Salcia Landmann,Walter-Verlag, 1960, Seite 254)

 

 

Hallo zusammen

ein kleiner Hinweis: alle Bilder, die ich euch zeigen werde und schon gezeigt habe, sind in Eigenproduktion als „Schnappschüsse“ entstanden.

Vorerst werde ich euch mit, in Israel entstandenen Bildern, verwöhnen. Ich werde versuchen, Bilder zu finden, die zu den jeweiligen Büchern passen. Zwei mal habe ich dieses wunderschöne, geheimnisvolle, geschichtsträchtige Land bereist.

Beide Male mit meinem lieben Supervisor Prof. Wurmser aus den USA und einer Gruppe AnalytikerkollegInnen. Prof. Wurmser ist als Kind jüdischer Eltern in der Schweiz der 1930er Jahre aufgewachsen und schließlich in den 1950ern in die USA emigriert. Der Druck des Antisemitismus war selbst in der Nachkriegszeit noch zu groß.

Es waren die schönsten Reisen meines Lebens bisher. Unsere Reiseleiterin war eine ältere Dame, eine Einheimische, eine überzeugte Jüdin, die uns das Land „von innen“, vom Herzen, gezeigt hat. So konnten wir Orte besichtigen, Leute sprechen, die man sonst nicht trifft. Besonders hat mich die Jugend fasziniert. Sie vergleichen sich selbst mit der Frucht einer Kaktee: außen stachelig und innen süß. So habe ich sie erlebt, immer bereit zu diskutieren, erst abweisend, dann immer zugänglicher, zugewandt-freundlicher.

Prof. Wurmser fühle ich mich in tiefer Dankbarkeit verbunden.

Meine Liebe zur jüdischen Literatur hat sich dadurch ausgeweitet zu einer Liebe zur israelischen Literatur. Daher möchte ich euch beides näher bringen. Eine Auswahl habe ich noch nicht getroffen, es wird sich mischen in den Buchbesprechungen.

Habt ihr Wünsche, lasst es mich wissen!

„Eine kurze Geschichte der Menschheit“

Liebe Literaturfreunde,

endlich geht es weiter!

Seit einigen Wochen(!) „kämpfe“ ich mich durch ein 500 Seiten Werk:

„Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari, erschienen 2015 im pantheon-verlag. Dieses bereichernde Buch möchte ich für euch besprechen.

Obwohl es sich um so ein „trockenes“ Thema wie Geschichte handelt, liest sich das vorliegende Buch leicht und „fluffig“. Das liegt nicht zuletzt am, etwas umgangssprachlich gehaltenen Sprachstil des Autors.

Dieser selbst ist Professor für Geschichte an der Hebrew University of Jerusalem, also Israeli und schreibt regelmäßig Kolumnen in „Haaretz“, eine  der bekanntesten Tageszeitungen in Israel. Also jemand, der gehört wird und mir kompetent erscheint, uns etwas über die Menschheitsgeschichte, also über uns, zu erzählen.

Er beginnt beim Urknall vor 13,5 Milliarden von Jahren und führt uns zur Entstehung des homo sapiens vor ca. 70000 Jahren bis in die heutige Zeit.

Er betrachtet die Entwicklung der Menschen unter einem bestimmten Blickwinkel: Nicht der Mensch hat den Weizen und den Hund domestiziert, sondern umgekehrt. Er stellt in Frage, dass das immer mehr, weiter, höher wirklich ein Weiterentwicklung zum Glück des Menschen ist.

Meines Erachtens sieht er die Menschen und die Dinge, so wie sie sind. Das macht das Buch reizvoll. Was ist alles Glaube, Religion, was ist Geld eigentlich, was „Fortschritt“?

Welche Revolutionen haben die Menschen durchgemacht, was haben sie für sie bedeutet? Wie entstanden Sprache, Religionen, was ist aus ihnen geworden? Was haben Wissenschaft und Imperialismus miteinander zu tun, oder Religion und Kapitalismus?

Viele Themen, von denen ich glaubte, eine Meinung zu haben, kamen ins Wanken, werden immer noch überdacht.

Dieses Buch lohnt sich, es hinterlässt Spuren, wenn nicht mehr. Zeit und Geduld sind hier gut investiert.

Bleibt die Frage, wie Y. Harari die Zukunft des homo sapiens sieht? Das letzte Kapitel heißt: „Das Ende des Homo sapiens“. Ich habe es noch nicht gelesen, bin aber sehr gespannt darauf!

Und freue mich sehr auf eure Rückmeldung!